PhD thesis

“Konkrete Utopien einer offenen Technologie. Die Praktiken und Zukünfte des Open Design”

In einem horrenden Tempo diffundieren Open-Source-Praktiken, die ursprünglich aus der Softwareentwicklung stammen, inklusive ihrer normativen Ansprüche in viele gesellschaftliche Bereiche (Kelty 2008). „Open“ formiert sich zu einem heterogenen gesellschaftlichen Projekt, was exemplarisch an Organisationen wie der „Open Knowledge Foundation“ sichtbar wird. Relativ jung sind Open-Source-Projekte, die mit der offenen und kooperativen Gestaltung und Nutzung von materiellen Artefakten experimentieren, im sog. „Open Design“ (teilweise auch „Open Source Hardware“ genannt). Hierbei sticht insbesondere das Feld der „digitalen Fabrikation“ hervor, welches sich um Computer gesteuerte Maschinen wie 3D-Drucker und hochgradig vernetzte technosoziale Arrangements dreht. Diese Sphäre steht im Zentrum meines soziologischen Promotionsvorhabens. In unterschiedlichsten Bereichen entstehen neue Open-Source-Objekte und neue Open-Source-Gemeinschaften. Diese arbeiten daran, bestimmte Relationen zwischen Menschen, Wissen und materiellen Objekten in ein offenes Paradigma zu transformieren, was u. a. bedeutet, Wissen zu teilen, verfügbar und veränderbar zu machen. Dies ändert nicht nur die Praktiken des Open Source, sondern erweitert auch die Vorstellungen davon, was künftig durch Open Source möglich und wünschenswert ist. Entsprechend analysiere ich Open-Design-Projekte als „Konkrete Utopien“ (Bloch 1959). Diese Perspektive impliziert nicht nur, dass Open-Design-Praktiken sich mit wünschenswerten Vorstellungen von Zukünften verbinden, sondern auch, dass Open-Design-Projekte selbst erklärungsbedürftig werden. Wie vermitteln diese bestehende Möglichkeiten und innovative Praktiken? Wie artikuliert sich das „Noch-Nicht“ (Bloch) im jetzt schon Geschehenden?

Daher betrachte ich Open-Design-Projekte nicht als isolierte Einheiten, sondern situiere sie innerhalb von „Assemblagen“ als im Prozess befindliche Cluster heterogener Elemente (DeLanda 2006). Open Design konstituiert und transformiert sich in der eingenommenen Perspektive erst durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Einzelphänomene – wozu man z. B. Organisationen wie Creative Commons und das Fab Lab Netzwerk genauso zählen kann, wie die „Maker“-Bewegung oder Internet-Innovationen wie Crowdfunding. Allerdings ist die Art und Weise des Zusammenspiels von Open-Design-Projekten mit anderen Phänomenen eine Frage empirischer Forschung. Um den prozessualen und „konkret“ praktischen Aspekten des Open Design gerecht zu werden, fokussiert meine Arbeit empirisch auf die technischen Objekte, die im Zentrum der Projekte stehen. Inspiriert ist dieser Ansatz etwa durch Konzepte der „Postsozialität“ (Knorr-Cetina 1997) und Perspektiven auf heterogene Mobilitäten (Urry 2007). Dass Objekte gemeinschaftsbildend wirken, und dabei komplexe Vermengungen der Bewegungen von Objekten, Wissen, Daten und Menschen stattfinden, ist zentral für Open Design. Daher legt die Nachverfolgung der Bewegungen von Open-Design-Objekten die Bedingungen der Möglichkeit dieser neuartigen Objekte offen und macht die Assemblagen transparent, an deren Transformation Open-Design-Projekte selbst teilhaben.

Letztendlich fragt das Promotionsprojekt danach, welche Visionen und Praktiken in Open Design entstehen und in welchem Zusammenhang diese mit einem breiteren gesellschaftlichen Projekt des Open Source stehen. Dabei rekonstruiere ich, welche neuen Formen des Wissens und der Objekte durch Open Design produziert werden. Hierbei soll herausgestellt werden, inwiefern Objekte und Visionen konstitutiv für die Sphäre des Open Design sind. Zusammen mit ihnen bilden sich in Open Design Formen der Technikgestaltung und -nutzung heraus, die in starkem Kontrast zu den dominanten Formen der Technikentwicklung stehen. Konkrete Utopie dient dabei in der Arbeit als fruchtbare heuristische Perspektive, aber auch als Anspruch zur normativen Stellungnahme. Mein Promotionsprojekt versteht sich in gewisser Hinsicht auch als Teil des diffusen Gesellschaftsprojektes des Open Source.

 

Das Promotionsprojekt basiert auf zwei qualitativen Studien im Bereich der Open Source digitalen Fabrikation:

Die erste Fallstudie widmet sich einem Entwicklungsprojekt für einen Open Source Lasercutter (www.lasersaur.com). Anhand von Experteninterviews und teilnehmender Beobachtung wird hierbei sowohl die Geschichte und Entwicklung des Projektes nachgezeichnet als auch die Produktion und Bewegung von Wissen im Wechselspiel zwischen Menschen und technischen Objekten rekonstruiert.

Die zweite Fallstudie basiert auf der sog. Aktionsforschung. Hierbei sind Forschende nicht nur Beobachter sondern auch aktiv Teilnehmende an sozialen Veränderungsprozessen. Die Studie zeichnet die Gründungsphase des von mir initiierten und mit aufgebauten FabLab Karlsruhe e. V. nach. In den weltweit über 400 FabLabs (Fabrikations Laboren) wird versucht, Prozesse und Technologien digitaler Fabrikation öffentlich zugänglich zu machen: Das Prinzip offene Werkstatt trifft digitale Technologien, Open Source im ‚analogen‘ Raum. Dabei ist insbesondere die Organisation von FabLabs auf lokaler Ebene und als Netzwerk von besonderem Interesse für meine Forschung.

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